Start in den Atlantik

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Nach 10 Tagen vor Anker bei La Linea bekommen wir endlich einen Liegeplatz in der Queensway Quay Marina in Gibraltar. Das Wetter ist zwar immer noch mäßig, aber der schnelle Zugang zu einer Stadt wie Gibraltar macht das Leben erträglich. In den Straßen von Gibraltar strömen tagsüber die Touristen und es ist auch noch angenehm warm. Eigentlich kann man es hier aushalten, aber wir müssen weiter zu den Kanarischen Inseln. 

Außer uns liegen noch vier ARC-Teilnehmer, erkennbar an der großen ARC-Flagge, in der Marina. ARC steht für Atlantic Ralley for Cruisers und ist eine Regatta von 225 Segelbooten über den Atlantik. Gestartet wird in Las Palmas auf Gran Canaria und ankommen sollte man in Rodney Bay auf St. Lucia in der Karibik. Die meisten Teilnehmer sind Fahrtensegler, aber es gibt auch eine Racing Group.

Alle warten auf günstige Winde über 5 Tage auf der Strecke zu den Kanaren, denn so lange dauert für kleinere Boote die Fahrt von Gibraltar nach Lanzerote. Seit einigen Tagen zeichnet sich der 22.10. als geeigneter Starttermin ab. Roland und Petra von der Avalon laden am 21.10 alle ARC-Teilnehmer zu einem Sundowner ein. Vier Boote wollen morgen starten: Aquila, Avalon, Sterna und die Taimada aus Stuttgart. Wir stimmen auch noch einmal den günstigen Zeitraum für die Durchfahrt durch Straße von Gibraltar ab. Es gibt eine sehr starke Strömung vom Atlantik ins Mittelmeer. Die Avalon ist hier vor Jahren trotz voller Fahrt voraus schon einmal rückwärts gefahren.

Am 22.10. laufen wir um 8.30 Uhr aus der Marina in Gibraltar aus. Nach meiner Abschätzung müsste dann die Strömung bei der Durchfahrt in den Atlantik am geringsten sein. Bei dieser Fahrt ist das Log, das die Fahrt durchs Wasser misst, wichtig.  Doch das zeigt jetzt trotz der gründlichen Reinigung am Vortag offensichtlich zu wenig an. Dann kommt der GPS-Empfänger mit einer unverständlichen Fehlermeldung. Nach einem Restart scheint er wieder zu funktionieren. Danach schaltet der PC ab, vermutlich durch das Norton-Antivirus-Programm. Ich bekomme ihn aber schnell wieder zum Laufen und will auf die Wegpunkt-Steuerung übergehen. Es funktioniert nicht, der Autopilot lässt sich nicht mehr über den PC steuern

Mittlerweile nähert sich uns die norwegische Sterna mit Rolf, seiner Frau und zwei Freunden. Wir fahren beide relativ dicht an der spanischen Küste entlang. Die Strömung erreicht zeitweilig 4,5 kn, dazu weht uns mittlerweile auch noch ein Wind von 10 bis 15 kn entgegen. Langsam kämpfen wir uns nach Westen voran. Nun fällt auch noch das Navigationsprogramm Tsunamis auf dem jetzt betriebenen Ersatz-PC aus. Damit ist unserem teuren Tsunamis keine lauffähige Version mehr verfügbar. Ich tausche den PC aus und gehe auf die vorher installierte Demoversion des Navigationsprogramms C-Map über.

Der Wind nimmt zu, kommt aber leider aus der falschen Richtung. Gegen 16 Uhr setzen wir Segel und kreuzen an der marokkanischen Küsten entlang Richtung Südwesten. Auch die Sterna beginnt zu segeln, kann aber trotz der größeren Länge hoch am Wind nicht mithalten. Im Dunkel der Nacht verlieren wir uns bald aus den Augen.

In der Nacht ist der Wind sehr wechselhaft. Wir müssen zeitweilig reffen und dann wieder mit Maschine fahren. Dazu regnet es auch noch. Am nächsten Tag dreht der Wind zunächst auf Nordwest und dann schließlich in vorhergesagte und gewünschte Richtung Nordost. Wir kommen gut voran und ich habe Zeit mich mit den PCs zu beschäftigen. Es gelingt mir schließlich, Tsunamis auf beiden PCs zu reinstallieren.

Nachts legt der Wind zu. Wir fahren nur mit gerefftem Großsegel und lassen den Autopiloten steuern. Dabei gibt es eigentlich nicht viel zu tun. Der Autopilot hält einen festen Winkel zum Wind, der gelegentlich überprüft und korrigiert werden muss. Leider ist der Stromverbrauch dabei so hoch, dass man ohne Nachladen durch die Maschine nicht auskommt.

Am dritten Tag nimmt der Wind deutlich ab. Mit ausgebäumter Genua und Schmetterling machen wir aber meisten noch 5 kn Fahrt. Die E-Mails mit den Windpfeildiagrammen, die wir regelmäßig von unserem Sohn Michael über Satellitentelefon (Iridium) bekommen, gefallen uns heute gar nicht. Demnach würde uns der Wind die letzten 1½  Tage voll entgegen wehen. Das ist auch bei unserem Schiff kein Vergnügen. Ich suche nach einem Ausweg, der auch schnell gefunden ist: Agadir in Marokko.

Allerdings hatte man uns in Gibraltar noch einmal dringend von Marokko abgeraten. Ich halte es jedoch für das geringere Übel. Natürlich haben wir keine Unterlagen von Marokko und Agadir, aber wir haben C-Map mit sehr guten Seekarten. Mir fällt noch ein, dass es in Agadir einen TO-Stützpunkt gibt. TO steht für Trans-Ocean und ist ein Verein zur Förderung des Hochseesegelns. Wenn es in Agadir einen TO-Stützpunkt gibt, dann muss man dort auch einlaufen können. Ich kontaktiere den TO-Stützpunktleiter per E-Mail und bekomme am nächsten Tag auch eine Antwort mit einigen Informationen.  Vorher hatte Michael uns schon einiges aus dem Internet zugeschickt.

Am vierten Tag ist der Wind mittags so schwach, dass wir mit Maschine fahren müssen. Die Wellen bleiben leider sehr hoch. Um keinen Umweg zu machen, fahren wir an einigen Stellen bis auf wenige Seemeilen an die marokkanische Küste heran. Dabei müssen wir immer wieder den kleinen Fischerbooten ausweichen. Besonders kritisch wird es in der Nacht. Die Boote sind nur spärlich oder gar nicht beleuchtet. Zum Glück sind sie auf dem Radarschirm kurz vorher gerade noch erkennbar. Nicht zu erkennen sind die vielen Bojen, an denen wir dicht vorbeirauschen und in deren Netzen man sich leicht verfangen kann.

Gegen 3 Uhr sind die Lichter von Agadir erkennbar. Zielsicher fahren wir mit den elektronischen Seekarten von C-Map und unserem Radar an den großen Hafenanlagen vorbei. Die Dichte der Fischerbooten mit den etwas unheimlichen dunklen Gestalten ist hier noch größer als vorher. Um 4.30 Uhr ankern wir hinter den Hafenanlagen am Strand von Agadir.

Nach einigen Stunden Schlaf wollen wir uns die Umgebung ansehen. Viel können wir nicht sehen, denn es herrscht dichter Nebel. Wir fahren in den Teil des Hafens, in dem die Marina bzw. der Yachtclub liegen soll. Am Ende sehen wir einige Schwimmstege, an denen auch ausländische Yachten liegen, aber wir sehen nicht die typischen Einrichtungen einer Marina. Uns wird schnell klar, dass es hier in Marokko so etwas nicht gibt. Schließlicht kommt jemand und macht uns klar, dass wir längsseits an einem Fischerboot festmachen sollen.

Im Hafen von Agadir

Im Hafen von Agadir

Direkt hinter uns liegen zwei deutsche Schiffe im Päckchen, von denen wir erste Informationen bekommen, insbesondere über das Einklarieren.  Wir sollten nichts machen, nur warten.

Nach zwei Stunden kommt der erste Beamte an Bord, später kommen noch einmal zwei, alle in schönen Uniformen. Nach Aussage unserer deutschen Nachbarn müsste noch jemand kommen, aber inzwischen ist es schon dunkel. Am nächsten Tag geht es dann weiter. Insgesamt kommen fünf verschiedene Stellen an Bord. Was sie genau wollen wissen wir nicht. Jedenfalls stellen sie alle die gleichen Fragen, machen die gleichen Notizen und sind dabei nett und freundlich. Nur einer mogelt etwas und schreibt die Hälfte der Antworten von einem Kollegen ab, der gleichzeitig an Bord ist.

Der Yachtklub mit seinen Steganlagen liegt im Hafenbezirk außerhalb der Stadt. Die Schwimmstege sind in keinem guten Zustand und es gibt an ihnen weder Wasser noch Strom. Das Hafenwasser ist nicht nur schmutzig, sondern auch mit einem Ölfilm komplett bedeckt. Fischerboote und das Polizeiboot erzeugen oft starken Schwell. Trotzdem bereuen wir das Anlaufen von Agadir nicht.

Wir fahren häufig mit dem Taxi in die Stadt, zum Einkaufen und zum Essen. Die Taxifahrten kosten je nach Entfernung zwischen ein bis drei Euro. Agadir ist stark vom Tourismus geprägt. An dem langen Sandstrand gibt es viele große Hotels und Läden und in der Stadt einige schöne Parkanlagen mit grünem Rasen. Beeindruckend sind am Rande der Stadt der sehr großer Souk (Basar), die Residenz des Königs und der große Supermarkt (Marjane).

Park in Agadir

Park in Agadir

Als wir am zweiten Tag abends zurück in den Hafen kommen, hat ein Schweizer an uns festgemacht. Damit liegen wir zum ersten Mal in unserem Leben in einem Päckchen und andere Segler gehen über unser Schiff an Land, was für einen nordeuropäischen Segler der Normalfall ist. Wir verstehen uns mit unseren neuen Nachbarn gut und erfahren, dass sie am gleichen Tag wie wir in Gibraltar gestartet sind. Sie haben allerdings für die gleiche Strecke einen Tag länger gebraucht. 

Die Wartezeit in Agadir nutzen wir auch für verschiedene Arbeiten und Reparaturen an Bord. Auch die Nähmaschine kommt dabei wieder zum Einsatz, z.B. zur Reparatur unseres TO-Standers, der die Fahrt durchs Mittelmeer nicht ohne Blessuren überstanden hat.

Flaggen-Reparatur

Flaggen-Reparatur

Am 31.10.05 laufen wir nach fünf Tagen Aufenthalt gegen 7 Uhr aus Agadir aus. Nach den Wetterprognosen müsste der Wind die nächsten drei Tage für uns günstig und nicht zu stark sein. Die Prognosen hole ich im Internet-Cafe und über unser deutsches Mobiltelefon, mit einer GPRS-Konfiguration, die ich für Deutschland eingestellt hatte. Ich hoffe, dass mich Vodafone dafür nicht zu sehr bestraft.

Nach zwei Stunden Motorfahrt haben wir ausreichenden Wind (NW-N) und setzen Segel. Eine halbe Stunde später müssen wir das erste Reff ins Großsegel einbinden und eine weitere halbe Stunde später das zweite bei entsprechend reduzierter Genua. Mit dieser Segelstellung fahren wir den ganzen Tag und die ganze Nacht, immer die selbe Richtung, 246 °. Auch am nächsten Tag geht es so weiter, erst nachmittags lässt der Wind nach und wir rollen die Genua ganz aus.

Mittlerweile ist Lanzerote in Sicht, obwohl es noch 30 sm entfernt ist. Kurz vor 20 Uhr, also fast zwei Stunden nach Sonnenuntergang, laufen wir in die Bucht vor Puerto de Naos in der Nähe von Arrecife ein. Eigentlich wollen wir hier vor Anker nur richtig ausschlafen.

Kurz vor 14 Uhr fahren wir weiter Richtung Gran Canaria. Der Wind (NE) ist schwächer als vorhergesagt und wir gehen am späten Nachmittag auf Motorfahrt über. Das macht die Nachtfahrt einfacher, aber wir haben hier auch starken Schiffsverkehr. Es sind große und schnelle Schiffe und einige kommen uns nach dem Alarm unseres Radargerätes sehr schnell sehr nahe.

Vor Las Palmas de Gran Canaria

Vor Las Palmas de Gran Canaria

Nach Sonnenaufgang können wir bei schwachem Wind noch einige Seemeilen segeln. Um 11 Uhr erreichen wir die Marina Las Palmas und machen dort an der Texaco-Tankstelle, dem Anlaufpunkt der ARC-Teilnehmer, fest. Obwohl wir uns am Vortag per E-Mail angemeldet haben, müssen wir mehr als eine Stunde warten, bis uns ein Liegeplatz zugewiesen wird. Don Pedro von der Tankstelle erklärt mir, dass wir hier in Spanien sind und ich einfach mehr Geduld haben muss. Das sagt er mir auf spanisch, aber ich habe es trotzdem verstanden.

Seit unserem Start in der Türkei haben wir bis hierher 2995 sm zurückgelegt und sind dabei an 50 Tagen unterwegs gewesen. Jetzt liegen bis in die Karibik 2800 sm vor uns, die wir in 22 Tagen schaffen möchten.

 

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