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Wir liegen im Hafen von Salalah, Oman, und bereiten uns auf die Fahrt durch das berüchtigte Piratengebiet im Golf von Aden vor. Nach der Statistik ist die Gefahr für Segler nicht so groß, aber viele haben eine höllische Angst vor dieser Fahrt und versuchen durch die Bildung von Konvois mehr Sicherheit zu gewinnen. Eigentlich hatten wir nicht vor, in einem Konvoi zu fahren. Aber nachdem die Silvercurl, mit der wir durch den Golf von Aden fahren wollten, sich bei einem Konvoi angemeldet hatte, haben auch wir uns für den Konvoi entschieden.
Der MF (Mid February) Convoy, mit dem wir nun nach Aden fahren werden, soll aus 24 Schiffen bestehen, die nach einem militärischem Vorbild aus dem Zweiten Weltkrieg in vier Gruppen aufgeteilt sind und eine feste Formation bilden. Erfinder und Leiter des Konvois ist der Brite Tom von dem Motorsegler Katanne. Tom war bei der britischen Luftwaffe und hat nach seinen Aussagen guten Kontakt zu den militärischen Stellen im Golf von Aden.
Zwei Tage vor der Abfahrt wird die Gruppeneinteilung festgelegt. Inzwischen ist die Zahl der Schiffe auf 27 angestiegen. Die Gruppen und die Schiffe erhalten Code-Namen. Auch die zu verwendenden Funkkanäle werden verschlüsselt angegeben. Tom hat alles militärisch organisiert.
Wir sind mit den Schiffen Pacific Star (Julia, Horst), Blue Pearl (Carola, Stefan), Silvercurl (Gisela, Gerhard), Aqua Magic (Margaret, Patrick) und Chenoa (Tina, Hans-Jörg) in einer Gruppe, die Merlin heißt. Horst, ein Amerikaner mit deutschem Pass, ist unser Gruppenleiter. Dass außer Margaret und Patrick alle deutsch sprechen soll reiner Zufall sein.
Am Nachmittag vor der Abreise findet ein Treffen der Konvoiteilnehmer im Club Oasis statt. Dabei geht es um weitere Informationen und das Ausklarieren, das Mohammed für alle zusammen erledigen soll. Tom erläutert die Prinzipien des Konvois. Die Zielgeschwindigkeit beträgt 5 kn. Bei starkem Gegenstrom wird die Geschwindigkeit reduziert, bei Segelunterstützung erhöht. Die Schiffe einer Gruppe fahren versetzt in zwei Reihen. Der Abstand zwischen den Schiffen einer Reihe sollte 150 bis 300 m betragen. Im Angriffsfall rücken alle Schiffe einer Gruppe und des Konvois möglichst dicht zusammen. Die Route, für die es mehrere Wegpunkte gibt, führt entlang der Küste in einem Abstand von ungefähr 10 sm. An die Organisationen (MSCHOA und UKMTO), die den Verkehr im Golf von Aden überwachen, werden regelmäßig Positionsmeldungen gesendet.
Das Ausklarieren, das Mohammed nebenbei abwickeln soll, wird für einige zum Problem, weil die Behörden plötzlich ein gültiges Versicherungsdokument sehen wollen. Das ist eine verrückte Forderung, die offensichtlich nur dazu dienen soll, über Strafen Geld zu machen. Doch der Erpressungsversuch geht voll daneben. Moderne Software und ein versierter Anwender ermöglichen es, dass am Ende für alle Schiffe ein gültiges Versicherungsdokument vorgelegt werden kann. Allerdings dauert die ganze Prozedur bis nach Mitternacht.
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Teilnehmer am MF Convoy |
Mohammed mit Dokumenten und Frauen |
Am 18.2.2010 laufen die 27 Schiffe des MF-Konvois ab 9 Uhr in kurzen Abständen nacheinander aus. Die Crews der Schiffe stammen aus 17 verschiedenen Nationen. Alle sind gespannt, was sie in dem Piratenrevier und in dem Konvoi erwartet.
Der Wind ist schwach und alle fahren nur mit Motor. Nachmittags können wir bei leichtem Wind (SW) Segel setzen und damit etwas schneller werden. Zum Setzen des Großsegels müssen wir nach außen fahren, weil wir im Konvoi nicht in den Wind drehen können. Gegen Abend nimmt der Wind wieder ab und der Gegenstrom leider zu.
In der Nacht sollten die Schiffe auf größeren Abstand gehen. Doch bei so vielen Individualisten funktioniert das nicht so richtig. Jedenfalls ist die Nachtfahrt trotz Radar sehr anstrengend.
Der zweite Tag verläuft ähnlich, nur ist der Gegenstrom noch stärker. Dadurch werden bei vielen Schiffen die Motoren stark beansprucht. Mehrmals kommen verdächtige Schiffe und Boote in Sicht, die sich aber nicht nähern. Doch dann bekommt die Gruppe hinter uns Besuch von einem kleinen schnellen Boot, das von einem Mutterschiff gestartet ist. Es ist das typische Muster eines Piratenangriffs und die Gruppe reagiert entsprechend. Tatsächlich sind es harmlose Fischer, die sich bald zurückziehen und die ganze Aufregung bestimmt nicht verstehen.
Auch am dritten Tag setzt nachmittags Segelwind ein und es gibt wieder Piratenalarme, die sich aber alle schnell erledigen. In und zwischen den Gruppen kommt es wiederholt zu Reibereien und einige Funkgespräche sind sehr aggressiv. Die konzentrierte Fahrt dicht nebeneinander zerrt an den Nerven. Dann gibt es bei uns einen echten Alarm. Die Motorbilge ist unter Wasser und aus dem Boden der Dusche sprudelt es. Nach einigen Schrecksekunden kann ich das Wasser per Knopfdruck (Wasserpumpe) abstellen. Ein Leck im Warmwassersystem ist die Ursache. Nun müssen wir in der nächsten Zeit mit Wasser aus Kanistern leben.
Bei Sonnenuntergang scheren wir aus dem Konvoi in Richtung Süden aus. Die letzte Nacht, in der uns ein Schiff unserer Gruppen stundenlang aus verschiedenen Richtungen zu dicht auffuhr, war uns einfach zu anstrengend. Nach einer ruhigen Nacht nehmen wir bei Sonnenaufgang wieder unsere Position im Konvoi ein.
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Gruppe Merlin unter Segel |
Konvoi bei Sonnenaufgang |
Mittags gibt es den ersten Motorausfall. Das betroffene Schiff Tandem fällt zurück und der Konvoi stoppt. Das sind Zeiten, in denen man den eigenen Motor ausschalten und überprüfen kann, z.B. auf Ölstand. Die Tandem wird von der Silver Fern, einer neuseeländischen 23 m –Yacht, in Schlepp genommen und die Fahrt geht bald mit voller Geschwindigkeit weiter. Schon nach einer Stunde kann die Tandem wieder aus eigener Kraft fahren.
Kurze Zeit später fällt bei der Sleipnir, dem Katamaran von Evi und Wolfgang, einer der beiden Außenbordmotoren aus. Nun werden sie von der Silver Fern geschleppt. Später lässt sich auch der zweite Außenborder nicht mehr starten. Die Sleipnir wird nun wohl bis Aden im Schlepp fahren müssen.
Abends verfolgen wir über UKW (Kanal 16) ein dramatisches Funkgespräch. Ein koreanischer Frachter wird von Piraten angegriffen und berichtet an ein Kriegsschiff. Die Piraten legen Leitern an und versuchen das Schiff zu entern. Dabei fällt ein Pirat ins Wasser. Nachdem der Pirat durch seine Kollegen geborgen ist und das Kriegsschiff Kurs auf die Angreifer aufgenommen hat, geben die Piraten auf und flüchten.
Am fünften Tag nähert sich der Konvoi morgens dem Zielort Aden. Alle 27 Schiffe müssen sich über Funk einzeln bei Port Control anmelden, ihre Daten angeben und auf die Freigabe zum Einlaufen in den Hafen warten. Das dauert natürlich einige Zeit. Um 11 Uhr haben wir es geschafft. Wir ankern nordöstlich der Touristenpier, wo schon einige Segler liegen.
Mit dem Schlauchboot fahren wir zum Einklarieren an die Pier. Zu unserer Überraschung dauert die Prozedur nur wenige Minuten. Allerdings müssen wir dafür eine Packung Zigaretten spendieren. Unsere Pässe werden einbehalten. Als Ersatz bekommen wir einen Passierschein, mit dem wir an Land gehen können. Jeder Landgang wird in einem Buch registriert.
An der Pier treffen wir den Taxifahrer Adel. Wir informieren uns über seine Preise und fahren dann mit ihm zu der Mall im Stadtteil Crater. Ein solches Einkaufszentrum hätten wir hier nicht erwartet. Es gibt einen großen Supermarkt, der keine Wünsche offen lässt, mehrere kleine Restaurants und viele edle Läden. Wilma ist insbesondere von dem breiten Angebot an schönen Kleidern beeindruckt. Sehen kann man solche Kleider in der Öffentlichkeit allerdings nie. Alle Frauen sind in schwarze Burkas gekleidet, die nur einen schmalen Sehschlitz haben.
In den nächsten Tagen konzentrieren wir uns auf die erforderlichen Reparaturen. Um das Leck im Warmwassersystem zu beseitigen, ist einiges auszuräumen und auszubauen. Wir haben viele Ersatzteile für das Druckwassersystem (Whale), aber es fehlt ein Ring, um den defekten Teil der Leitungen zu ersetzen. Ich muss den Warmwasserteil stilllegen und brauche dazu einen Blindstopfen, den ich auch nicht habe.
Also fahren wir mit Adel in die Stadt, um einen Blindstopfen zu kaufen. Schon im zweiten Laden der Altstadt sind wir erfolgreich. Die Altstadt ist exotisch und erinnert uns an die Türkei von vor 40 Jahren. Es ist alles sehr einfach und nicht gerade sauber. An der Strasse sitzen Männer mit dicken Backen. Sie kauen Kat. Das sind grüne Blätter mit einer berauschenden Wirkung. Auch Adel hatte eine dicke Backe, als wir ihn kennen lernten.
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Taxifahrer Adel |
Kat-Verkäufer |
Mit dem Blindstopfen kann ich den Warmwasserteil des Drucksystems abklemmen und den Rest dann in Betrieb nehmen. Jetzt haben wir wieder fließendes Wasser, aber nur noch kaltes.
Abends treffen sich die Teilnehmer des MF-Konvois zu einer Party im Sailor’s Club. Man dankt Tom und seiner Frau für die gute und erfolgreiche Leitung des Konvois. Kritik, die während der Fahrt aufkam, ist vergessen. Alle sind glücklich, dass sie das Piratengebiet ohne Schaden durchfahren konnten.
Am nächsten Tag sind wir wieder mit Adel unterwegs, um unseren Tischfuß schweißen zu lassen, der bereits in Salalah gebrochen war. Inzwischen nennt Adel mich seinen Freund, der die Preise für die Taxifahrten selbst bestimmen kann. Nachteilig ist das für Adel nicht, denn als Freund möchte man nicht kleinlich sein.
Es ist nicht einfach, eine Werkstatt für die Schweißarbeiten zu finden, weil der Tischfuß aus Aluminium ist. Schließlich kommen wir zu einer Werkstatt, die voller Maschinen und vieler ölverschmierter Männer ist. Einer der Männer behauptet, dass sie den Tischfuß schweißen können und verlangt dafür 40 USD. Ich zahle zögernd den für hiesige Verhältnisse überzogenen Preis und bin dann überrascht, wie professionell die Arbeit durchgeführt wird. Der Tischfuß ist jetzt stabiler als vorher. Nach dem Erfolg gehen wir mit Adel zum Mittagessen. Während wir auf unser Essen warten, wird Wilma von einer jungen Frau am Nachbartisch eingeladen, mit ihr gemeinsam zu essen. Es ist hier üblich, erklärt uns Adel, Wartende am Essen teilnehmen zu lassen.
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Der gebrochene Fuß |
Gemeinsames Essen |
Nachmittags sind wir zusammen mit den Crews der Pacific Star und der Blue Pearl auf der Silvercurl zu Kaffe und Kuchen (Schwarzwälder Kirschtorte) eingeladen. Gisela und Gerhard sind oft Gastgeber, weil es auf ihrem Katamaran so geräumig und gemütlich ist. Abends fahren wir zusammen mit zwei Taxis in die Stadt und suchen ein gutes Restaurant. So richtig erfolgreich sind wir bei der Suche nicht. Wir essen schließlich in einem einfachen Restaurant am Rande eines Vergnügungsparks.
Unser Ankerplatz liegt in der Nähe der Schiffstankstelle. Mit der Unterstützung von Adel bekommen wir die Genehmigung, Diesel in Kanistern mit dem Schlauchboot zu holen. Anderen Schiffen wurde das strikt verweigert. Die 130l Diesel, die wir am nächsten Morgen holen wollen, müssen wir im Voraus bezahlen, ohne dafür einen Beleg zu bekommen. Der Beleg bleibt im Büro.
Am späten Nachmittag fängt es an zu regnen. Nachts ist der Regen zeitweise etwas heftiger und es fällt uns auf, dass in der Stadt alle Lichter ausgegangen sind. Morgens regnet es immer noch. Als es aufhört zu regnen, fahren wir mit sechs Kanistern zur Tankstelle. Doch das Büro, in dem unsere Belege liegen, ist geschlossen. In den unteren Büros steht das Wasser und es tropft immer noch von der Decke. Es gelingt uns schließlich den Chef zu überzeugen, dass wir 130 l Diesel bezahlt haben. Wir dürfen tanken. Da kein Strom vorhanden ist, wird eine Dieselpumpe angeworfen.
Später sehen wir in der Stadt das Ausmaß des Unwetters. Viele Strassen stehen noch unter Wasser und von den kahlen Bergen sind große Schlammmassen in die Stadt geflossen. Strom gibt es nachmittags immer noch nicht. Es sollen die stärksten Regenfälle seit zehn Jahren gewesen sein.
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Nach dem großen Regen |
Markt am Hafen |
Am nächsten Tag gehen wir mit Adel auf eine kombinierte Einkaufs- und Besichtigungstour. Wir wollen uns noch einige Dollars und ein weiteres Dieselvorfilter zulegen. Die Dollars bekommen wir schnell an einem der Automaten, aber ein passendes Dieselfilter scheint es nirgends zu geben. Schließlich kommen wir zu dem kleinen alten Hafen und der Festung. Der Aufstieg zur Festung ist mühsam, aber die Aussicht überwältigend. Auf der einen Seite liegt das Meer, auf der anderen die Stadt und dahinter die hohen kahlen Berge, die im unteren Bereich noch bebaut sind.
Nach dem Mittagessen fahren wir in den Stadtteil, der bei den Touristen Arabic City heißt. In dem modernen Teil des Viertels bekommen wir endlich das gesuchte Dieselfilter. Was wir dann in dem alten Stadtteil sehen, stimmt uns nachdenklich. Die Menschen leben in einer unbeschreiblichen Einfachheit und Armut. Überall liegt Unrat und es riecht übel. Wir sind froh, dass wir diesen Ort schnell verlassen können.
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Blick von der Festung |
Kamele in Arabic City |
Nachmittags gehen wir in ein Internet-Cafe, das in der Nähe des Hafens liegt. Inzwischen sind wir hier Stammgäste. Von den vielen Informationen, die das Internet liefert, ist für uns im Moment das Wetter im südlichen Teil des Roten Meeres am wichtigsten. Tatsächlich deutet sich für die nächsten Tage ein Südwind an, der für uns ideal wäre.
Am 3.3. gibt es im Internet eine andere wichtige und gute Nachricht, auf die wir schon lange gewartet haben. Unsere Tochter Christiane hat ihr erstes Kind bekommen. Die kleine Linda ist gesund und munter und alle sind überglücklich. Abends feiern wir auf der Silvercurl unser zweites Enkelkind und Abschied, denn die Silvercurl will Morgen auslaufen.
Inzwischen sind die meisten Schiffe des MF-Konvois ausgelaufen. Einige ankern an der Küste, aber viele kämpfen mit Motor gegen den Wind, obwohl die Prognosen den bevorstehenden Südwind klar zeigen. Nach einer weiteren Überprüfung der Wetterlage legen wir unsere Abreise auf den 5.3. fest. Evi und Wolfgang von dem Katamaran Sleipnir kommen zu dem gleichen Ergebnis. Wir beschließen deshalb, zusammen ins Rote Meer zu fahren.