Indien, Arabisches Meer und Wüste

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Am 20.1.10 laufen wir morgens von Galle, Sri Lanka, in Richtung Cochin, Indien, aus. Nur 350 sm liegen vor uns. Ein Teil dieser Strecke kann allerdings sehr unangenehm werden, weil es in der Düse zwischen Sri Lanka und Indien meistens kräftig bläst. Nach der Prognose haben wir auf der windigen Strecke mit 20 kn aus NE zu rechnen.

Bei schwachem Westwind fahren wir zunächst mit Motor die Küste Sri Lankas entlang nach Norden. Nördlich von Colombo dreht der Wind allmählich auf NNE und nimmt ständig zu. Mit der Genua können wir jetzt direkt auf die Südspitze Indiens zulaufen. Nachts weht es mit 25 kn, am Tage legt der Wind noch etwas zu und erreicht häufig 30 kn. Die Wellen kommen von der Seite und schlagen mehrmals über die Bordwand ins Cockpit. Erst als wir am dritten Tag in die Landabdeckung Indiens kommen, wird es ruhiger. Nach einiger Zeit nimmt auch der Wind so stark ab, dass wir mit Motor fahren müssen.

Mehrere Fischerboote begegnen uns. Von einem Boot wird uns Fisch angeboten, unter anderem ein prächtiger Red Snapper. Den nehmen wir gern und bezahlen mit Bier und Zigaretten. Andere Fischer fragen auch nach Bier, Zigaretten und Essen, bieten selbst aber nichts an.

Mittags setzt eine Seebrise ein, mit der wir bis zum Abend segeln können. Dann schwächt sich der Wind ab und dreht in der ersten Nachthälfte über Nord auf Ost. Mit dieser Landbrise können wir wieder segeln.

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang ist die Landbrise so schwach, dass wir den Motor starten müssen. Vor Cochin nimmt der Schiffsverkehr stark zu. Wir erreichen die betonnte Einfahrt und nehmen Kurs auf die Stadt. Gegen 14 Uhr ankern wir vor dem Hotel Taj Malabar auf Wellingdon Island, wo wir von Customs bereits erwartet werden.

Red Snapper

Ankerplatz Taj Malabar Hotel

Ein Herr von Customs kommt an Bord, lässt uns einige Formulare ausfüllen und weist darauf hin, dass das Einklarieren erst am Montag (in 2 Tagen) abgeschlossen werden kann, weil das Büro des Harbour Masters bis dahin geschlossen ist. Mich stört das im Moment wenig, weil ich durch eine Grippe stark angeschlagen bin.

Am nächsten Tag fahren wir mit einem Tuc-Tuc zum Immigration-Büro. Die Formalitäten sind für hiesige Verhältnisse schnell erledigt. Wir versorgen uns mit Rupien und gönnen uns dann einen Imbiss im Hotel Taj Malabar zu europäischen Preisen.

Inzwischen liegen fünf Schiffe auf dem Ankerplatz und warten auf das Einklarieren. Montagmittag kommt ein Herr in schneeweißer Unform und führt die Crews der fünf Schiffe zum Harbour Master. Hier sind mehrere Formulare auszufüllen. Dann wandert die Gruppe zu Customs. Wegen der Mittagspause müssen beide Stellen zweimal besucht werden.

Als wir an der Kantine vorbei kommen, bietet man uns dort ein Mittagessen an. Wir schlagen das Angebot nicht aus, haben dann aber doch etwas Schwierigkeiten mit den Essgewohnheiten. In Indien isst man mit den Fingern und Bestecke gibt es hier nirgends. Jeder von uns löst das Problem auf seine Art. Ich kann mit der Nagelpfeile und dem Flaschenöffner meines Taschenmessers  ein gabelähnliches Instrument formen und damit ganz gut essen.

Nach viereinhalb Stunden sind die Formalitäten bei Customs und Harbour Master abgeschlossen. Was wir hier gesehen und erlebt haben ist unglaublich. Die Büros sind voller Menschen und vergilbter Aktien. Es herrscht eine extreme Bürokratie und Hierarchie. Die Formulare müssen von mehreren Personen in verschiedenen Räumen unterschrieben werden. Um unser kleines Schiff zwei Seemeilen zu verlegen, müssen wir einen schriftlichen Antrag an den Harbour Master stellen und einen zweiten an seinen Stellvertreter. Von beiden bekommen wir dann eine schriftliche Erlaubnis das Schiff zu verlegen.

Die Fahrt zu unserem endgültigen Ankerplatz zwischen Bolgatty Island und dem Stadtteil Ernakulam führt teilweise durch sehr flaches Wasser und ist nirgends richtig beschrieben. Joost von der Hafskip, ein Holländer, der mit uns einklariert hat, will vorausfahren und uns über Funk die Wassertiefen durchgeben. Bei 2m Wassertiefe müssten wir eigentlich Grundberührung haben. Aber es passiert nichts, wir fahren langsam weiter. Wahrscheinlich ist der Grund so weich, dass der Kiel sich einfach eine Furche graben kann. Kurz vor Sonnenuntergang ankern wir erleichtert in dem Flussarm östlich des Bolgatty Hotels.

Am nächsten Morgen erkunden wir die Stadt (Ernakulam). Obwohl Feiertag ist, haben die meisten kleinen Läden und Stände geöffnet. Es herrschen ein reges Treiben und ein chaotischer Verkehr. Ich finde einen Laden, in dem ich eine SIM-Karte für einen speziellen Internetdienst (Flat Rate) kaufen kann. Aber für den Kauf ist ein Antrag zu stellen mit Reisepass, Visum und Passfoto. Nachdem wir alles beigebracht haben, wird uns erklärt, dass die Freischaltung wegen des Feiertags erst am nächsten Tag erfolgen kann. Indien ist einfach Spitze in Sachen Bürokratie.

Büro bei Customs

Strasse in Cochin

Das Internet funktioniert dann aber wirklich gut und hilft uns bei der Planung der langen Reise nach Oman. Nazar und Ibrahim liefern Diesel und Bier an Bord zu durchaus akzeptablen Preisen. Obst, Gemüse und Brot kaufen wir in der Stadt. Der Tidenhub wird in zwei Tagen so groß sein, dass wir bei Hochwasser gut über die flachen Bereiche der Zufahrt kommen sollten.

Einen Tag vor der geplanten Abreise fahren wir morgens mit Nazar nach Wellindon Island zum Ausklarieren (Customs, Harbour Master, Immigration). Die Prozedur hätten wir fast in einer Stunde geschafft, wenn nicht Immigration auf einen späten Termin am Abend bestanden hätte. Wir einigen uns schließlich auf 16 Uhr und nutzen die Zeit bis dahin zu einer Besichtigung der Altstadt, die wir ohnehin vorgesehen hatten.

Verkauf von Bananen

Verladen von Reis

Rashin, den wir vom ersten Tag her kennen, fährt uns mit seinem Tuc-Tuc durch die Gassen der Stadt und kommt immer wieder zu noblen Touristenläden. Er will einfach nicht begreifen, dass wir uns dafür nicht interessieren. Allerdings gibt es auch sonst nicht so viel zu sehen. Die klassischen Gebäude sind in einem miserablen Zustand und unterscheiden sich damit nicht von dem Rest der Altstadt. Interessant sind die großen Fischernetze (Chinese Fishing Nets), die über ein Gestänge ins Wasser gelassen werden.

Abends planen wir abschließend die Fahrt nach Salalah in Oman. Wir wollen zunächst etwa 300 sm an der indischen Küste entlang nach Norden fahren, um so einen günstigeren Winkel für den zu erwartenden Monsun zu bekommen. Nach der Prognose sind an der Küste Land- und Seebrisen zu erwarten und danach zunächst schwacher Monsun(NE). Bei der gewählten Route liegen ungefähr 1400 sm im Arabischen Meer vor uns.

Am 29.1 lichten wir um 10 Uhr Anker und fahren langsam durch das flache Wasser Richtung Wellingdon Island. Überraschenderweise ist es jetzt hier einen halben Meter tiefer als bei unserer Einfahrt. Wir sind erleichtert und wissen nun, dass unser Tidenprogramm (WXtide) hier mal wieder total daneben liegt.

Mittags liegt die betonnte Einfahrt von Cochin hinter uns und wir können mit Großsegel und Genua Richtung Norden segeln. Beim Wechsel von See- auf Landbrise kreuzen wir eine Zeit lang. Nachts geht es dann mit der Landbrise weiter auf diesem Kurs. So fahren wir drei Tage an der Küste Indiens entlang nach Norden. Nur wenn der Wind von Norden kommt, setzen wir für wenige Stunden den Motor ein.

Am dritten Tag nimmt der Wind immer weiter ab und wir müssen nach der Kursänderung auf Salalah (280°) ständig mit Motor fahren. Erst nach einem Tag setzt ein schwacher Wind aus Nordwest ein, mit dem wir hoch am Wind wieder segeln können. Drei Tage lang bleiben diese Bedingungen etwa so bestehen, nur die Windrichtung schwankt zwischen NW und N. Zeitweilig ist der Wind aber so schwach, dass wir mit Motor fahren müssen.

Bei einer der Motorfahrten stelle ich fest, dass die Belüftung des Motorraums nicht mehr funktioniert. Der Lüfter ist ausgefallen. Da ich im letzten Jahr einen Ersatzlüfter gekauft habe, ist der Schaden schnell behoben.

Etwas länger brauche ich bei der Fehleranalyse unseres zeitweise ausfallenden Kühlschanks. Erst als mir auffällt, dass der Kühlschrank nur beim Segeln ausfällt ahne ich die Ursache. Die Spannung am Kühlschrank bricht nach dem Einschalten so stark ein, dass der Kühlschrank gleich wieder abschaltet. Nur bei Motorfahrt (Batterieladung) wird die Abschaltschwelle nicht erreicht.

Da ich den schlechten Kontakt in der Zuleitung nicht finden kann, verlege ich einfach eine zusätzliche Leitung auf kürzestem Weg zur Batterie. Die Leitung liegt auf dem Salonboden und ist, wie in den indischen Büros, mit Paketband überklebt. Der Kühlschrank funktioniert damit aber wieder einwandfrei.

Am achten Tag dreht der Wind auf Nordost. Das ist die Richtung des Monsuns, der hier mit 15 bis 20 kn vorherrschen sollte. Doch das Lüftchen (5kn), das jetzt weht, reicht zum Segel bei weitem nicht aus. Wir fahren mit Motor und versuchen hin und wieder zu segeln. Aber es sind immer nur wenige Seemeilen, die wir unter Segel schaffen.

Es ist deprimierend, wir sind in einer Monsunregion und es gibt keinen Monsun. Nach der Prognose ist erst in drei Tagen mit brauchbarem Wind aus Nordost zu rechnen. Reicht der Diesel, wenn wir so lange weiter mit Motor fahren? Bei der Abreise hatten wir insgesamt 230 l an Bord, davon 110 l in Kanistern. Hat der Einbautank wirklich 120 l wie es im Datenblatt steht? Um die Zweifel zu beseitigen, baue ich alle Verkleidungen ab und messe das Tankvolumen. Es stimmt: der Tank fasst 120 l. Jetzt bleibt nur noch die Unsicherheit der Tankanzeige, die immer viel zu wenig anzeigt. Zuverlässiger sind die Verbrauchswerte, die ich ermittelt habe: 1,2 l bei 1400 U/min und 4,5 kn Fahrt (Flaute). Wir brauchen unbedingt Wind, um nach Salalah zu kommen. Aber wir können auch noch mehr als drei Tage mit Motor fahren.

Am neunten Tag ist das Meer spiegelglatt und es regt sich kein Lüftchen. Das Wasser ist voller Plankton. Nachts gibt es große Lumineszenzfelder, die so hell sind, dass sie das Schiff beleuchten.

Fischernetze

Im Arabischen Meer

Der elfte Tag bringt dann nachmittags tatsächlich den lange angekündigten Wind. Nur kommt er nicht wie vorhergesagt aus NE, sondern aus NNW. Mit Großsegel und Genua kommen wir jetzt schnell voran. Im Laufe der Nacht nehmen Wind und Wellen ständig zu. Nach Sonnenaufgang wird es uns am Wind dann doch zu hart. Wir bergen das Großsegel, fallen ab und fahren mit gereffter Genua weiter. Zum Glück dreht der Wind allmählich auf Nord, so dass wir nachmittags schon wieder direkten Kurs auf Salalah nehmen können.

Am zwölften und dreizehnten Tag gibt es dann endlich Monsun aus Nordost. Zeitweise ist er jedoch so schwach, dass wir wieder mit Motor fahren müssen. Aber 100 sm vor Salalah beunruhigt uns das nicht mehr. Jetzt müsste der Diesel bis zum Ziel reichen.

Am 12.1. erreichen wir mittags den Hafen von Salalah. Es ist ein großer und moderner Container-Hafen, der in unseren Handbüchern so nicht beschrieben ist. Wir werden in den hinteren Bereich des Hafens dirigiert, in dem schon viele Segler liegen. Gisela und Gerhard von der Silvercurl kommen uns im Schlauchboot entgegen und leiten uns zu einem Ankerplatz in ihrer Nähe. Allerdings ist es hier so eng, dass wir zusätzlich einen Heckanker ausbringen müssen. Den Heckanker verwenden wir ungern, doch Gisela und Gerhard nehmen uns die Arbeit schnell und gekonnt ab.

Von den zwanzig Yachten, die hier dicht nebeneinander liegen, wollen die meisten mit einem Konvoi am 18.2. nach Aden fahren. Auch wir haben uns für diesen Konvoi angemeldet, in der Hoffnung, damit etwas sicherer durch das Piratengebiet zu kommen.

Nachmittags fahren wir mit Mohammed, dem Yacht-Agenten von Salalah, zu den Behörden. Es sind wie immer viele Formulare auszufüllen, nur diesmal alles in arabisch. Eine englische Version gibt es nicht. Das gesprochenen Wort wird in arabisch aufgeschrieben. Dabei wird laut und heftig diskutiert, aber nach einer halben Stunde ist alles erledigt.

Abends sind wir mit Carola und Stefan von der Blue Pearl und Julia und Horst von der Pacific Star auf der Silvercurl. Die Blue Pearl ist erst vor zwei Jahren zur Weltumsegelung gestartet, der Pacific Star sind wir schon auf Fidschi begegnet.

In den nächsten Tagen sind einige Wartungsarbeiten zu erledigen, unter anderem Öl- und Filterwechsel. Den Dieselnachschub liefert Mohammed in Kanistern. Nach der Erfahrung aus der letzten Flautenfahrt legen wir uns noch zwei weitere Dieselkanister zu.

Für die Fahrten in die Stadt Salalah, die rund 10 km vom Hafen entfernt ist, nehmen wir uns einen Leihwagen, den wir uns mit der Silvercurl und der Blue Pearl teilen. Die Strassen und Gebäude Salalahs sind größtenteils modern und großzügig. Dazwischen gibt es aber viele unbefestigte und staubige Flächen. Das Angebot der Supermärkte ist sehr gut. Frauen sieht man auf der Strasse selten, es dominieren die Männer in weißen Gewändern.

An einem Tag machen wir zusammen mit Gisela und Gerhard einen Ausflug ins Landesinnere. Mit einem Geländewagen wollen wir bis an den Rand der Wüste Rub-al-Khali fahren, die 300 km entfernt ist. Unser Fahrer und Führer trägt das landesübliche weiße Gewand und spricht sogar etwas deutsch.

Als erstes halten wir in einem Tal, in dem mehrere Weihrauchbäume stehen. Früher waren diese Bäume eine Quelle des Wohlstands in dieser Region. Es ist erstaunlich, wie die Bäume diese Trockenheit überstehen können.

Hafen von Salalah

Weihrauchbaum

Das nächste Ziel ist die verlorene Stadt Ubar, die erst durch Satellitenaufnahmen entdeckt wurde. Um Ubar, auch „Atantis der Wüste“ genannt, ranken sich viele Geschichten. Die Ruinen sind allerdings nicht besonders beeindruckend.

Wir fahren weiter in Richtung Wüste. Die Teerstrasse geht bald in eine unbefestigte Strasse über und der Sand wird immer höher. Auf dem Sand fährt es sich wie auf Schnee, aber unser Fahrer hat das voll im Griff. Auf der Suche nach Kristallsteinen fahren wir quer durch die Landschaft. Unser Fahrer findet für uns auch einige Steine, die innen aus weißen Kristallen bestehen.

Schließlich erreichen wir das Leere Viertel, wie die Wüste hier auch genannt wird. Aus einer Sandpiste heraus nimmt unser Fahrer Anlauf und fährt eine Düne herauf. Von hier aus gehen wir weiter in die Dünenlandschaft. Die Landschaft ist in ihrer Form, ihren Farben und der Weite einmalig. Wir sind alle tief beeindruckt.

Ruinen von Ubar

Leeres Viertel

Auf dem Weg zurück begegnet uns eine Kamelkarawane. Dass die Kameltreiber mit einem Geländewagen unterwegs sind, hätten wir allerdings nicht erwartet. Auf einer kleinen Anhöhe warten wir dann auf den Sonnenuntergang am Rande der Wüste. Er ist anders als am Meer, aber nicht unbedingt schöner.

Spuren im Sand

Karawane

Gegen 21Uhr sind wir wieder zurück im Hafen von Salalah und schließen den interessanten Tag mit einem Essen im Club Oasis ab.

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