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Während unseres Heimaturlaubs entsteht die Idee, das Karibische Meer in einem Stück von Süden nach Norden zu durchsegeln und dann über den Antillenbogen langsam zurück nach Trinidad zu fahren. Wenn man von den ABC-Inseln nach Norden segelt, kommt man bei den vorherrschenden östlichen Winden in der Dominikanischen Republik oder, unter günstigen Bedingungen, auch in Puerto Rico an. Wie man von der Dominikanischen Republik gegen den Passat auf „dornenlosen Wegen“ zu den kleinen Antillen kommt ist in dem Buch „Passages South“ von Van Sant beschrieben. Vergessen hatte ich allerdings, dass Jimmy Cornell in seinem Buch „Segelrouten der Weltmeere“ zu der Fahrt nach Norden schreibt: In den Wintermonaten, wenn der Passat eine nördliche Komponente hat, ist dieser Törn nur schwer durchzuführen.
Es ist ein glücklicher Zufall, dass die Daddeldu ähnliche Pläne hat und wir deshalb zusammen fahren können. Dass wir die Moustache mit Jeremy und Sonia bis Curacao immer wieder treffen, ist sicher auch Zufall. Und fast jedes Mal erklärt mir Jeremy, dass die Mona Passage zwischen der Dominikanischen Republik und Puerto Rico sehr schwierig sei. Irgendwann glaube ich ihm, deshalb heißt unser neues Ziel Puerto Rico.
Da Puerto Rico bei den vorherrschenden Winden von Curcao nur schwer zu erreichen ist, wollen wir bei schwachem Wind zurück nach Bonaire fahren und von dort aus nach Norden starten. Wir verfolgen regelmäßig die Wetterprognosen (windfinder.com: Prognosen für 7 Tage im Abstand von 3 Stunden) und finden bald ein günstiges Fenster für die Fahrt nach Bonaire und die anschließende Weiterfahrt nach Puerto Rico. Das günstige Fenster für Bonaire verschwindet bald wieder, aber es bleiben drei günstige Tage für die direkte Fahrt nach Puerto Rico. Bei einem Ostwind von 10 bis 15 Kn sollte die Ostküste Puerto Ricos hoch am Wind gerade erreichbar sein, auch bei einem Strom von bis zu einem Knoten nach Westen. Optimal wäre die Stadt Ponce in der Mitte der Südküste, weil man dort direkt einklarieren kann.
Am 8.01.07 laufen wir bei Sonnenaufgang aus Spaanse Water aus, gefolgt von der Daddeldu und der Magic Life. Mit Motor fahren wir die Küste entlang nach Südosten. Der Wind ist mit 20 kn deutlich stärker, aber auch südlicher als vorhergesagt. Gegen 10 Uhr liegt die Südostspitze Curacaos hinter uns und wir können Segel setzen. Ein zweifach gerefftes Großsegel und eine entsprechend reduzierte Genua reichen aus, um mit mehr als 6 kn Fahrt Richtung Puerto Rico zu rauschen. Wir können sogar noch etwas nach Osten vorhalten. Die Wellen sind unangenehm hoch und lassen den Bug oft hart aufschlagen. Wilma ist etwas seekrank.
Leider dreht der Wind immer mehr zurück und hat schon bald eine leichte Nordkomponente. Auch unser Ruder beginnt wieder zu knarren, obwohl es erst in Trinidad gefettet wurde. Meine neue Schmiermethode mit Injektionsnadeln funktioniert bei der Fahrt in den hohen Wellen nicht. Es gelingt mir aber, das Geräusch mit Silikonspray stark zu reduzieren.
Bei Einbruch der Dunkelheit können wir die Daddeldu gerade noch hinter uns erkennen. Die Magic Life hatten wir bereits mittags aus den Augen verloren. In der Nacht dreht der Wind wieder mehr auf Ost, so dass wir direkt auf unser Ziel Ponce zusteuern können.
Wir steuern mit dem elektrischen Autopiloten nach dem Wind (vorgegebener Winkel zum Wind) weil er präziser und bequemer ist als der Windpilot. Außerdem kann man im Schutz der Sprayhood Kurskorrekturen vornehmen, ohne nass zu werden. Den erforderlichen Strom schafft der Windgenerator bei 15 kn am Wind (wahrer Wind) spielend.
Auch am zweiten Tag bleibt der Wind in Richtung und Stärke etwa konstant, und wir können weiter mit mehr als 6 kn Fahrt direkt Richtung Ponce segeln. Bei Sonnenuntergang nimmt der Wind ab und dreht auf Nordost. Ich starte die Maschine, auch um die Batterien zu laden. Da wir bei geringer Drehzahl gute Fahrt machen, lasse ich die Maschine weiter mitlaufen. Später stelle ich fest, dass die Windanzeige falsch war und dass wir wahrscheinlich auch ohne Maschine den gewünschten Kurs gehalten hätten.
Am dritten Tag hält der Wind sich genau an die Prognose, die ich über Inmarsat bekomme habe. Es weht leicht mit 10 kn aus Ost. Mit einem Reff im Groß und voller Genua machen dabei aber immer noch 6 kn Fahrt in Richtung auf unser Ziel.
Da Inmarsat RBGAN in der nördlichen Karibik nicht mehr verfügbar ist, versorgt uns unser Sohn Michael mit den entsprechenden Windprognosen über Iridium. In der Nacht soll der Wind auf 15 kn zunehmen und auf Nordost drehen. Keine dramatische Nachricht, aber unser Ziel Ponce werden wir unter diesen Umständen wohl nicht mehr direkt erreichen können.
Nach Sonnenuntergang nimmt der Wind ständig zu und liegt am Ende bei 20 kn. Es gelingt uns aber, mit unserer karibischen Normalbesegelung ( 2 Reffs im Groß, Genua angepasst) den Kurs Ponce zu halten. Die Wellen sind allerdings chaotisch und das Schiff schlägt immer wieder mit lautem Krachen auf. In der Dunkelheit ist die Wellenform nur schwer erkennbar, ändern kann man ohnehin nichts.
Wenige Stunden vor Sonnenaufgang nehmen Wind und Wellen etwas ab. An Schlaf ist aber wieder nicht zu denken, weil jetzt mehrere Frachter unsere Kurslinie kreuzen. In der Dunkelheit sind ihre Geschwindigkeit und Fahrtrichtung nur schwer abzuschätzen. Mit dem Radargerät ist es allerdings kein Problem.
Bei Sonnenaufgang schwächt sich der Wind weiter ab und dreht noch mehr auf Nord. Nur 10 sm von Ponce entfernt starten wir die Maschine und bergen die Segel. Das ruhige Wasser vor Puerto Rico nutze ich gleich, um die Windmessanlage neu zu kalibrieren. Kurz vor 9 Uhr fällt unser Anker vor dem Yachtclub in Ponce. Die Daddeldu, mit der wir immer Funkkontakt über UKW hatten, kommt etwas später an.
Unser Wunschziel Ponce haben wir in nur 73 Stunden erreicht und dabei 430 sm durchs Wasser zurückgelegt. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 6 kn. Wir sind sehr zufrieden, und extrem dornenreich war der Törn eigentlich nicht. Es hat sich wieder gezeigt, dass man mit modernen Schiffen und den heute verfügbaren Wetterprognosen Strecken segeln kann, die früher nur schwer oder gar nicht möglich waren.
Puerto Rico gehört seit langem zu den USA und hat entsprechend strenge Einreisevorschriften. Neben Customs und Immigration spielt auch das Departement of Agriculture eine große Rolle. Normaleweise werden alle einreisenden Schiffe, auch amerikanische, auf Lebensmittel und Tiere untersucht. Da wir vor Anker liegen, können die Beamten uns aber nicht inspizieren, weil sie nicht mit dem Schlauchboot fahren dürfen. Ich beantworte ihre Fragen nahezu wahrheitsgemäß auf einem amerikanischem Motorboot, das sie an der Pier inspizieren. Anschließend unterschreibe ich ein Papier, in dem ich versichere, dass wir weder Abfälle von unseren Lebensmitteln noch irgendwelche Tiere an Land bringen werden. Bei einem Verstoß gegen diese Regel müssen wir mit einem Jahr Gefängnis und 250000 USD Geldstrafe rechnen.
Wir sind tief beeindruckt vom Umweltbewusstsein der Amerikaner. Schade, dass andere Länder nicht ähnliche Gesetze haben und auf Amerikaner anwenden können, wenn sie in großer Zahl und mit viel Gerät und Lebensmittelvorräten einreisen.
Nach der Prozedur mit den Beamten von Agriculture fahren wir mit einem Taxi zu US Customs and Border Protection. Dort bekommen wir eine Cruising License für ein Jahr. Natürlich braucht man dazu auch ein gültiges Visum für die USA.
Am nächsten Tag nehmen wir uns zusammen mit Marianne und Reinhard für drei Tage einen Leihwagen. Bei der ersten Fahrt fahren wir durch den Ostteil der Insel bis kurz vor San Juan, der Hauptstadt Puerto Ricos. Wir kommen auf engen kurvenreichen Straßen durch eine wunderbare Berglandschaft, die teilweise dem Allgäu ähnlich ist. Es gibt Wiesen mit weidenden Kühen. Nur die Vegetation im Vordergrund und das Meer im Hintergrund erinnern daran, dass wir auf einer tropischen Insel sind. Auf dem Rückweg sehen wir uns die Marina Puerto del Rey an und beschließen, sie als Ausgangpunkt für die Fahrt zu den Virgin Islands zu wählen.
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Berglandschaft in Puerto Rico |
Bergsee in Puerto Rico |
Am zweiten Tag fahren wir in die Hauptstadt San Juan an der Nordküste Puerto Ricos. Diese Fahrt ist einfach, denn wir können durchgehend Autobahn fahren. Interessant sind die Altstadt und die Festungsanlage San Felipe del Morro. Die Geschäfte der Stadt sind ganz auf die Kreuzfahrer ausgerichtet, für unseren Bedarf gibt es nicht sehr viel.
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Kreuzfahrer in San Juan |
Ostküste bei San Juan |
Die dritte Fahrt führt uns wieder in die Natur. Von Ponce aus geht es nach Osten in den Guilarte Forest. Über schmale kurvenreiche Strassen fahren wir durch den Regenwald, der in mehreren hundert Meter Höhe angenehm kühl ist. Die höchsten Berge sind hier über 1000 m hoch. An der Strasse liegen immer wieder kleine Siedlungen und einzelne Häuser. Von den Höhen hat man oft einen herrlichen Blick in weite Täler und auf vereinzelte Seen. Wir können verstehen, dass sich in diesem Land viele Amerikaner niedergelassen haben.
Um gegen den vorherrschenden Ostwind leichter nach Osten zu kommen, wollen wir die Nachtflauten (night lees) ausnutzen. Deshalb laufen wir am 17.01. schon nachts um 3 Uhr aus Ponce aus. Unser Ziel ist das 30 sm entfernte Patillas. Anfangs sind Wind und Wellen tatsächlich schwach und wir kommen mit Motor gut voran. Bei Sonnenaufgang nimmt der Wind ständig zu und erreicht schließlich 20 kn. Wir müssen die Drehzahl weiter erhöhen, um in den kurzen Wellen gut in Fahrt zu bleiben. Gegen 10 Uhr sind wir kurz vor Patillas und erfahren von der Daddeldu, das sie bis Palmas del Mar weiterfahren möchten. Nachdem ich eine aktuelle Windprognose eingeholt habe, schließen wir uns ihnen an. Auf schwächeren Wind müssten wir noch mehrere Tage warten.
Kurz vor 14 Uhr erreichen wir den kleinen Hafen Palmas del Mar. Mehr als die Hälfte des Hafenbeckens ist wegen Bauarbeiten gesperrt, aber wir finden gerade noch ein kleines Plätzchen zum Ankern. Das von der Crew der Daddeldu angestrebte idyllische Fischessen unter Palmen kommt leider nicht zustande, weil das Restaurant schon geschlossen hat. Wir gehen in ein besseres amerikanische Restaurant, das nicht schlecht, aber auch nicht billig ist.
Am nächsten Morgen laufen wir bei Sonnenaufgang aus der schmalen Hafeneinfahrt aus. Der Wind erreicht bald wieder 20 kn und kommt fast genau von vorn. Die Wellen sind wegen der geringen Wassertiefe aber etwas niedriger. Kurz nach 11 Uhr haben wir auch diese unangenehme Motorfahrt hinter uns gebracht. Wir legen zuerst an der Tankstelle der Marina Puerto del Rey an, um unsere Dieselvorräte aufzufüllen. Das Tanken müssen wir allerdings wegen einer heftigen Regenböe einige Zeit unterbrechen. Die nächste Regenböe erwischt uns, als wir zu unserem Liegeplatz fahren wollen. Wir gehen deshalb zunächst vor Anker und legen eine Mittagspause ein. Danach fahren wir bei wenig Wind zu unserem Liegeplatz, ganz in der Nähe der Daddeldu.
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Üppiger Farn |
Marina Puerto del Rey |
Die Marina Puerto del Rey ist mit 1000 Wasserliegeplätzen die größte Marina der Karibik und sehr amerikanisch. Auf den langen Stegen gibt es einen Taxiservice, von dem auch wir gelegentlich Gebrauch machen. Für unsere Einkäufe in den großen Märkten nehmen wir uns wieder einen Leihwagen. Wir fahren auch zu einer Gasfüllstation, um mal wieder zu erfahren, dass unsere europäischen Flaschen nicht gefüllt werden können. Die Mitarbeiter der Füllstation sind aber sehr hilfsbereit und zeigen uns ihre technischen Möglichkeiten. In einem Kaufhaus finde ich später ein Anschlussteil, das für die Füllung der Gasflaschen geeignet erscheint. Mit diesem Teil, einer Anzahl von Adaptern, Werkzeug und unseren Gasflaschen fahren wir am nächsten Morgen hoffnungsvoll zur Gasfüllstation. Dort müssen wir leider feststellen, dass unser Anschlussteil dem erforderlichen sehr ähnlich, aber mit ihm nicht ganz identisch ist. Also müssen wir weiter sehr sparsam mit unseren Gasvorräten umgehen.
Am 20.01 verlassen wir um 8 Uhr Puerto del Rey in Richtung Osten. Unser Ziel ist Culebra, eine Insel der Spanish Virgin Islands, die zu Puerto Rico gehören. Der Wind kommt uns mit 15 bis 20 kn wieder genau entgegen, aber heute segeln wir. Nach zwei langen Kreuzschlägen erreichen mittags die Einfahrt zu der Ensenada Honda und ankern kurze Zeit später in der Bucht Padilla in ruhigem Wasser.