Bei den Warao im Orinoco-Delta

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Am 25.10.06 fliegen wir von Stuttgart über Paris nach Martinique. Auf Martinique übernachten wir in einem Hotel in der Nähe des Flughafens. Am nächsten Tag soll es mit der Fluggesellschaft LIAT über St. Lucia und Barbados nach Trinidad gehen, aber es geht zunächst nichts. Die Maschine nach St. Lucia kann wegen eines technischen Problems nicht starten und die Ersatzmaschine ist auch defekt. Nach Stunden kommt eine alte Dornier-Maschine, die uns nach St. Lucia bringt. In St. Lucia steigen wir in ein anderes klappriges Fluggerät um und kommen damit heil nach Barbados. Auf Barbados übergibt uns die LIAT an eine andere Fluggesellschaft, die uns in einer großen Maschine mit nach Trinidad nimmt. Mit sieben Stunden Verspätung erreichen wir kurz nach 18 Uhr Trinidad.

Unterwegs hatte ich mehrmals mit Jesse James telefoniert, der uns vom Flughafenhafen abholen sollte. Jesse ist nicht nur Taxi-Unternehmer und Reiseveranstalter, sondern auch Organisator für alles mögliche in der Seglergemeinschaft. Er reserviert uns ein Zimmer bei Power Boats (Werft), denn wir möchten nicht im Dunkeln in unserem voll geräumten Boot einen Schlafplatz suchen. Am Ausgang des Flughafens nimmt uns Jesse lächelnd in Empfang, jetzt haben wir es geschafft.

Nachdem wir unser Appartement bezogen haben, gehen wir noch auf ein Bier ins Restaurant. Hier treffen wir Claudia und Edgar von der Morgi und Petra und Roland von der Avalon. So spät hatten sie uns eigentlich nicht mehr erwartet. Claudia und Edgar haben einen PC dabei und zeigen uns Bilder von ihrem Orinoco-Ausflug. Sie geben uns viele Ratschläge und sind immer noch begeistert.

Am nächsten Morgen besteigen wir gespannt unser Boot. Die Regenmassen haben in den vier Monaten außen einige Spuren hinterlassen. Innen sieht es auf den ersten Blick ganz gut aus. Später stellen wir dann doch Stockflecken an den Gardinen und in den Kleiderschränken fest. Der größte Schaden ist aber unabhängig vom Regen. Unser Fäkalientank hat ein Leck, aus dem eine braune Soße ausgelaufen ist. Ich baue den Tank aus und lasse ihn schweißen. Zusätzlich baue ich eine Umwegleitung mit entsprechenden Ventilen ein, die ein direktes Auspumpen ermöglichen. Bei einem 45 mm dicken und steifem Schlauch und engem Raum ist das keine leichte Angelegenheit.

Den Anstrich des Unterwasserschiffes und das Wachsen und Polieren des Rumpfes überlassen wir den einheimische Fachleuten. Irgendwie kommen die Schwarzen doch besser mit dem Klima zurecht. Allerdings haben sie auch ihr Arbeitstempo den äußeren Bedingungen angepasst.

Es gibt viel zu tun, aber schließlich bestimmt doch der noch nicht gelieferte Faltpropeller den Krantermin. Ich hatte ihn schon in Deutschland per E-Mail beim Volvohändler in Trinidad bestellt. Dann kommt der Propeller unerwartet zwei Tage früher als zuletzt angekündigt. Jetzt ist alles wieder einigermaßen planbar.

Mittags gehen wir regelmäßig in das Restaurant der Tropical Marine. Der deutsche Tisch wird ständig größer. Meistens sind wir mit Marianne und Reinhard von der Daddeldu, Doris und Kurt von der Kurtisane und Reinhard von der Planet zusammen. Später ist auch  Franz von der Pebbels regelmäßig dabei. Je nach Hintergrund sprechen die einen von Mensa und die anderen von Kantine. Es ist auf jeden Fall ein angenehmer Ort und eine gute Informationsbörse.

Kleine Mittagsrunde in der Tropical Marine

Obwohl wir mittlerweile viele Deutsche, Schweizer und Österreicher kennen, finden wir niemanden, der mit uns zum Orinoco fahren will. Die meisten haben Bedenken wegen der Moskitios und anderer unangenehmer Insekten. Deshalb fragen wir in der morgendlichen Funkrunde nach. Es melden sich zwei kanadische Schiffe, Lughnasa und Moustache, die Interesse an einer gemeinsamen Fahrt in das Orinoco-Delta haben.

Am 14.11 wird unser Schiff endlich wieder ins Wasser gesetzt. Bei einer Testfahrt in die Scotland Bay zeigt der neue Faltpropeller was er kann. Er braucht etwa 300 Umdrehungen pro Minute weniger, um unsere übliche Reisegeschwindigkeit zu erreichen. Damit sollte der Dieselverbrauch deutlich zurückgehen. Bei einem Dieselpreis von weniger als 20 Cent pro Liter ist das in dieser Region allerdings nur von geringer Bedeutung.

Mit den Crews von Lughnasa (Marianne und Peter) und Moustache (Sonia und Jeremy) treffen wir uns zu einem kurzen Vorgespräch über unsere Reise zum Orinoco. Letztlich legen wir aber nur die Startzeit, den ersten Zielpunkt und den Funkkanal fest. Wilma und Marianne holen sich von Jesse James gebrauchte Kleidungsstücke, die bei ihm für Bedürftige gesammelt werden.

Crews von Lughnasa, Aquila und Moustache

Am 16.11.06 fahren die drei Schiffe Moustache, Lughnasa und Aquila von Chaguaramsas, Trinidad, kurz nach 5 Uhr in Richtung Orinoco-Delta, Venezuela, los. Der Wind ist wie immer sehr schwach, so dass es eine reine Maschinenfahrt wird. Das erste Ziel ist die Polizeistation in Pedernales. Mit den kopierten Unterlagen und den elektronischen Seekarten ist es kein Problem, den richtigen Weg durch das flache Wasser zu finden, auch wenn es immer brauner und undurchsichtiger wird.

Kurz nach 15 Uhr ankern wir vor der Polizeistation und fahren mit den Schlauchbooten zum Einklarieren bzw. Anmelden. Natürlich spricht hier keiner Englisch und die Spanischkenntnisse in unserer Gruppe sind minimal. Trotzdem geht alles sehr schnell. Der ranghöchste Polizist ist auch mehr an dem Umtausch von Dollars in Bolivar interessiert. Wir tauschen alle einen kleinen Betrag, denn der Kurs ist bei ihm nicht besonders gut. Danach machen wir einen Rundgang durch den kleinen Ort. Es gibt mehrere kleine Läden, aber kein Restaurant. Das Warenangebot ist den hiesigen Bedürfnissen angepasst und für uns wenig interessant. Als wir auf unseren Schiffen zurück sind, fliegt eine große Gruppe knallroter Ibisse über uns hinweg.

Nach einer Kafferunde auf Lughnasa lichten wir kurz nach 10 Uhr die Anker und fahren den östlichen Arm des Cano Manamo hinauf. Vorher müssen wir allerdings die flache Stelle vor Pedernales großräumig umfahren. Aquila hat den größten Tiefgang und übernimmt deshalb wieder die Führung. Gleich am Eingang des Flussarms kommen wir an der ersten Siedlung der Warao vorbei.

Die Warao sind ein Indianerstamm im Flussdelta des Orinoco. Es gibt fast 20 000 Warao, die in etwa 250 Siedlugen an den verschiedenen Flussarmen leben. Die Siedlungen bestehen wegen des sumpfigen Untergrundes aus Pfahlbauten, die zum Teil über Stege verbunden sind. Von zentraler Bedeutung ist die Moriche-Palme für die Warao. Sie liefert den Rohstoff für die Herstellung von Körben, Hängematten und Pfeilen, und die Früchte und das Palmherz dienen auch zur Ernährung.

Nach dem alten Weltbild der Warao besteht die Welt aus einer Landmasse, auf der sie leben und die rund herum von Wasser umgeben ist. An den Enden ihrer Welt befinden sich Felsen und Säulen, auf denen die Götter leben. Von diesem Bild sind heute sicher nur noch wenige Warao geprägt, denn sie sehen vorbeifahrende Boote und wissen sicher, dass es in einiger Entfernung Städte und Läden gibt. Die meisten von ihnen sprechen aber nur ihre eigene Sprache und können höchstens einige Brocken Spanisch.

Bei den ersten Siedlungen ruft unser Erscheinen keine Reaktion hervor. Doch dann kommen plötzlich mehrere Kanus auf uns zu. Wir sind noch etwas unsicher und werfen erstmal den Anker. Die meisten Kanus sind mit Kindern besetzt, die einfach nur neugierig sind und sich über die Abwechselung freuen. Das Lächeln ersetzt die Sprache größtenteils. Doch dann kommt das erste Tauschangebot: ein Korb wechselt auf unser Boot gegen ein T-Shirt und eine Hose.

Warao kommen zum Tauschen

Bei den nächsten Siedlungen werden wir immer von Kanus angefahren und auf „Cambio“ angesprochen. Cambio (spanisch: Tausch) gehört zu den wenigen Wörtern, die die meisten Warao verstehen. Im Laufe des Tages wechseln viele Korbwaren und einige Ketten von den schmalen Kanus auf die dickbauchigen weißen Schiffe. Die Warao sind hauptsächlich an Kleidung interessiert, Stoffe, Nähsachen und Werkzeuge sind weniger gefragt. Die Kinder lehnen Süßigkeiten natürlich auch nicht ab.

Mittlerweile beherrschen wir auch die Tauschtechnik. Wir ankern nicht mehr, sondern fahren einfach nur sehr langsam weiter. Die Warao halten sich an unseren Schiffen fest und fahren ein Stück mit. Viele Kanus (Einbäume) haben nur wenige cm Freibord und müssen ständig ausgeschöpft werden.

Reger Tauschhandel

Kettenangebot

Gegen 14 Uhr ankern wir am Rande des Flußarms. Viele Wasserhyazinthen kommen uns entgegen, z. T. als kleine Inseln. Später treffen wir uns auf der Moustache zum Sundowner  Die Nacht ist sehr dunkel. Wir hören mehrmals ein Fauchen neben uns, das wir aber nicht identifizieren können.

Am nächsten Morgen fahren wir etwas früher weiter. Hier hat der Cano Manamo nur noch einen Arm, ist aber sehr breit und enthält einige größere Inseln. Interessant ist auch, dass die Gezeiten voll in den Orinoco hineingreifen. Der Fluß strömt also in beide Richtungen, zeitweise mit mehr als 2 Knoten.

Bei allen Siedlungen kommen uns die Kanus entgegen und der Tauschhandel geht weiter. Einige Kinder kommen auch nur zum Spaß und lassen sich ein Stückchen mitziehen. Kurz vor 14 Uhr erreichen wir die Boca Tiger Lodge, die an einem Seitenarm liegt. Die Zufahrt ist mit Wasserhyazinthen bedeckt. Wir sind noch etwas vorsichtig, aber man kann auch einfach durch die grünen Teppiche hindurch fahren.

Aquila im Wassergarten

Wir ankern vor der Tiger Lodge und gehen an Land. Wir werden freundlich empfangen und bekommen ein kostenloses Begrüßungsgetränk, das wir allerdings mit den nachfolgenden Getränken gut bezahlen. Zufällig hält sich in der Lodge eine Regierungskommission auf, die sich mit Umweltfragen in der Region befasst. Für diese Kommission gibt es in der Schule eine Musik- und Tanzaufführung, zu der wir auch eingeladen werden. Nach der Veranstaltung lassen wir den Abend mit einem guten Essen in der Lodge ausklingen. Vorher vereinbaren wir noch eine Dschungeltour für den folgenden Tag.

Schon um 6 Uhr werden wir von unseren Schiffen abgeholt. Mit drei Einheimischen und sechs Touristen ist die Piroge (größeres Kanu) mehr als gut beladen. Trotzdem rast sie mit hoher Geschwindigkeit über das Wasser und hat an der Wellenoberkante praktisch kein Freibord mehr. Wir halten an mehreren Stellen an und sehen neben vielen bunten Vögeln zum ersten Mal Brüllaffen, bislang hatten wir nur ihr Gebrüll gehört.

Am interessantesten ist aber der Besuch einer größeren Warao-Siedlung. Die Leute lächeln freundlich, nehmen ansonsten aber wenig Notiz von uns. Über das Gemeinschaftshaus gehen wir auf den Steg, der an den Pfahlbauten entlang führt. Alle Pfahlbauten sind offen und man sieht, mit wie wenig Menschen leben können. Auf den ersten Blick scheint die Einrichtung nur aus Hängematten zu bestehen. Aber es hat auch schon etwas moderne Technik Einzug gehalten. Wir hören und sehen ein Radio und in dem Gemeinschaftshaus steht ein großer Kühlschrank und eine Musikanlage. Große Siedlungen wie diese haben in der Regel einen kostenlosen Stromanschluss, deshalb brennt auch die Beleuchtung den ganzen Tag.

Warao-Haus

Beeindruckt und nachdenklich verlassen wir das Dorf. Unser Führer versichert uns, die Warao seien zwar sehr einfache aber auch sehr glückliche Menschen. Zweifel kommen uns schon, aber unglücklich sehen diese Menschen wirklich nicht aus.

Gegen 11 Uhr fahren wir weiter. Unser Ziel ist die Orinoco Delta Lodge, aber wir haben nur ungenaue Unterlagen und keine genauen Positionsangaben. In einem Seitenarm, in dem wir die Lodge vermuten, scheitern wir an zu geringer Wassertiefe. Wir fahren weiter und müssen dann nach einiger Zeit feststellen, dass die Lodge wohl doch in dem flachen Seitenarm liegt. Also fahren wir zurück und starten einen neuen Versuch. Lughnasa und Mustache kommen schließlich durch, nur die Aquila scheitert wegen des größeren Tiefgangs erneut. Wir ziehen es dann vor, in dem Hauptstrom zu ankern, etwa eine Seemeile von der Lodge entfernt. Obwohl es unsere erste Nacht allein im Dschungel ist, schlafen wir sehr gut. An das nächtliche Fauchen neben dem Boot haben wir uns gewöhnt. Wir wissen jetzt, dass es harmlose Süßwasser-Delfine sind.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Schlauchboot zur Orinoco Delta Lodge. Die Anlage scheint gut belegt zu sein, auch einige Deutsche hat es hier in die Wildnis gezogen. Von den Haustieren sind die Papageien und der Tucan am interessantesten. Der Tucan lässt alles über sich ergehen und hat anscheinend sogar noch Spaß daran. Lughnasa und Mustache wollen hier noch mindestens eine Nacht bleiben. Wir verabschieden uns und fahren allein flussabwärts.

Verspielter Tucan

Kurz vor Sonnenuntergang haben wir wieder unseren ersten Ankerplatz im Manamo erreicht. Hier bleiben wir über Nacht.

Morgens warten wir bis der Strom kippt und uns zusätzliche Fahrt beschert. Kurz nach 9 Uhr können wir starten. Zwei Delfine begleiten uns eine Zeit lang. Natürlich kommen uns bei jeder Siedlung wieder die Kanus entgegen. Allmählich gehen uns aber die begehrten Kleidungsstücke aus, und Korbwaren haben wir inzwischen auch reichlich. Wir passieren wieder einige sehr flache Stellen, aber Grundberührung haben wir nie. Kurz vor 13 Uhr fällt der Anker vor der Polizeistation in Pedernales.

Zum Ausklarieren bereite ich ein Dokument vor, das mir der Polizist auch unterschreibt und abstempelt. Damit dürften wir beim Einklarieren in Trinidad keine Probleme haben. Wir gehen noch einmal in den Ort, um einige Kleinigkeiten zu kaufen. Kurz vor Sonnenuntergang taucht auch die Moustache auf. Sie haben die gesamte Strecke von 50 sm in einem Tag zurückgelegt.

Am 22.11.06 brechen wir um 4.30 Uhr zusammen mit der Moustache in Richtung Chaguaramas, Trinidad, auf. Es ist wieder wenig Wind, so dass wir mit dem Motor fahren müssen. Um 10.10 erreicht uns über Iridium eine Nachricht (SMS), auf die wir schon lange gewartet haben. Michael teilt uns mit, dass er und Christina seit 6.20 Uhr MEZ eine Tochter haben. Den Namen verrät er uns aber noch nicht.

Kurz nach 14 Uhr machen die glücklichen Großeltern an einer Boje in Chaguaramas fest. Das Einklarieren ist mit dem speziellen Dokument kein Problem. Die Nachricht über unser Enkelkind wird von Wilma in Chaguaramas schnell verbreitet. Wir sind zufrieden, auch mit unserer Orinoco-Reise. Vieles war anders als von anderen berichtet. Es war insgesamt problemloser als dargestellt, und Moskitos gab es nicht mehr als in Chaguaramas.

Leider ist auf dem Orinoco eine der großen Service-Batterien ausgefallen, aber unser Impeller hat jetzt 45 Motorstunden ohne jeden Schaden überstanden. Inzwischen weiß ich nicht nur wie man die Lebensdauer von Impellern erhöhen kann, sondern auch warum sie so schnell sterben. Dieses Geheimnis werde ich allerdings nicht jedem verraten.

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